Gretchenchfrage: Bio-Landwirtschaft

Denn jede Art von Landwirtschaft ist darauf angewiesen, ihre Kulturen zu schützen, um die Produkte in der vom Konsumenten gewünschten Qualität herzustellen. In der Bio-Landwirtschaft sind etliche Pflanzenschutzmittel zugelassen. Wir sind der Meinung, dass nur ehrliche Debatten zum Ziel führen wird - die Wahl des Produktionssystem ist zweitrangig.

Die Verkaufsstatistik des Bundes über die letzten 10 Jahre über alle Verkaufskanäle zeigt, dass die für den Bio-Landbau zugelassenen Pflanzenschutzmittel 40 % betragen. Die jetzt vorgelegten Zahlen sind detaillierter aufgeschlüsselt als jene der früheren Statistiken. Sie zeigen: unter den zehn meistverkauften Pflanzenschutzmitteln, die mit 1244.2 Tonnen mehr als die Hälfte der Gesamtmenge ausmachen, befinden sich vier, die auch in der Bio-Landwirtschaft eingesetzt werden (Schwefel, Paraffinöl, Kaolin, Kupfer Oxychlorid). Insgesamt 745.8 Tonnen davon wurden 2016 in der Schweiz verkauft, das entspricht 60% der Menge der Top-Ten-Mittel.

Grafik: Verkaufsstatisitk von Pflanzenschutzmitteln in der Schweiz (Quelle: BLW)

Mindestens zwei dieser Top-Ten Mittel gelten als synthetisch: So kommt keines der im Bio-Pflanzenschutz zugelassenen Kupfersalze (Kupfersulfat, Kupferoxychlorid, Kupferhydroxid) direkt aus der Natur. Sie werden synthetisch hergestellt. Auch der im Bio-Pflanzenschutz verwendete Schwefel stammt in aller Regel nicht aus einer natürlichen Quelle, sondern wird synthetisch produziert. Andere Bio-Pflanzenschutzmittel enthalten Hilfs- und Zusatzstoffe, die ebenfalls synthetisch sind. Ein Beispiel: Um Schwefel in einer wässrigen Suspension zu formulieren (Schwefel ist nicht wasserlöslich) sind synthetische Dispergiermittel notwendig wie z.B. Ligninsulfonate.

Eine Dämonisierung von synthetischen Hilfsmitteln ist genauso unsinnig wie eine Glorifizierung von Bio-Pestiziden per se. Denn jede Art von Landwirtschaft ist darauf angewiesen, ihre Kulturen zu schützen, um die Produkte in der vom Konsumenten gewünschten Qualität herzustellen. Dazu ist auch Pflanzenschutz nötig, denn der Landwirt soll gemäss dem Verfassungsartikel zur Ernährungssicherheit „ressourceneffizient“ produzieren. Ressourceneffiziente landwirtschaftliche Produktion strebt eine Optimierung des Ernteertrags unter Verwendung von möglichst wenigen Produktionsmitteln (wie Arbeit, Energie, Land, Wasser, Dünger oder Hilfsmittel) und geringstmöglichem Druck auf natürliche Ressourcen an.

Ob Pflanzenschutzmittel biologisch oder synthetisch hergestellt sind, spielt keine Rolle. Sie müssen 1.) sicher, 2.) zielgerichtet und 3.) kurzlebig sein, also kurz nach Erreichen des Ziels abgebaut werden, ohne gefährdende Abbauprodukte zu hinterlassen. Neue Pestizide sind umweltfreundlicher als manche ihrer jahrzehntealten Vorgänger. Sie bauen sich ab und bleiben nicht in der Umwelt bestehen oder sammeln sich im menschlichen Körper oder in der Tierwelt an. Der Präsenz eines Moleküls sagt nichts über das Risiko aus.

Ganz zentral ist die Forschung: Es wird ganz am Anfang des Forschungsprozesses eruiert, ob eine Substanz je registrierfähig sein wird. Und diese Investition in Wissen hat sich in einer Verbesserung der Effizienz und der Sicherheit der Pflanzenschutzmittel niedergeschlagen.

Aber: Forschung funktioniert nicht auf Knopfdruck und dauert lange. In der Regel müssen viele Einzelsubstanzen getestet werden, um den richtigen Wirkstoff zu identifizieren. Aktuell dauert die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs über 10-12 Jahre. Das heisst: Die Zulassung und Registrierung von Hilfmitteln muss wissenschaftsbasiert sein und darf nicht politisch motiviert sein.

Dass es schwierig ist, Lösungen und Substitute zu finden, wissen auch die Forschenden, die sich auf Bio-Landbau konzentrieren. So betont das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) seit mehr als einem Jahrzehnt, es müsse ein Ersatz für Kupfer gefunden werden, das sich im Boden anreichert und Regenwürmer schädigt. Je mehr Bioprodukte vom Konsumenten gefordert werden, umso mehr muss Bio auch halten was es verspricht. Je früher eine ehrliche Debatte geführt werden kann desto grösser ist die Chance sich den Fragen von morgen zu stellen. Denn heute profitiert Bio noch von der Nischenstellung und von dem guten Marketing. Urs Niggli Direktor vom FibL sagt: „Bio als Label ist Marketing und muss sich nicht an Wissenschaft orientieren“. Dieser Bumerang wird früher oder später zurückkehren.

Nicht eine ideologische Debatte, sondern eine nüchterne und auf wissenschaftlichen Argumenten basierende Diskussion und Kooperation bringt die Innovation zur Bewältigung der gemeinsamen Herausforderungen bei der Erreichung der Ernährungssicherheit und dem Schutz der Umwelt. Das sind übergreifende Themen, die alle betreffen werden – Gartenhagmentalität und blinde Ideologie wird nicht reichen um Lösungen zu finden.

 

Quellen:

Link auf die PSM-Verkaufsstatistik des BLW:https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/services/medienmitteilungen.msg-id-73847.html

Link auf die 2019 im Bio-Landbau zugelassenen Betriebsmittelliste des Instituts für biologischen Landbau / FibL:  https://shop.fibl.org/chde/mwdownloads/download/link/id/52/

Link auf das Archiv der im Bio-Landbau zugelassenen Hilfsmittel des FibL: https://www.betriebsmittelliste.ch/info-themen/archiv.html